Jerusalem des Westens 🕌 🕍 ⛪️

Sarajevo – was für ein ereignisreicher und abenteuerlicher Tag! Aber fangen wir von vorne an…

Am Vorabend waren wir ja bereits kurz unten in der Altstadt, um zu Abend zu essen. Den Rückweg traten wir dann mit dem Taxi an, da unser Camp auf einem der Hügel der Städte thront, 2.5km entfernt und es geht steil bergauf, ca. 18% Steigung mit kaputtem Asphalt und aalglatten Kopfsteinpflastern. Der kleine Fiat mit abgewetztem Reifenprofil und abgerockten Stoßdämpfern quält sich ziemlich das Gefälle hoch, aber die Taxifahrer hier sind routiniert. Am Camp angekommen, werden wir gleich von drei jungen Ravensburgern empfangen, die mit ihren Freundinnen unterwegs sind und ebenfalls eine Balkan-Tour mit 4×4 machen. Einer von ihnen hat auch einen Land Rover Defender, der uns natürlich sofort bei Ankunft aufgefallen ist. Witzigerweise hat er dasselbe Hubdach von den „Overlandies“, wie wir es im letzten Jahr eingebaut haben, also wird sich herzlich begrüßt und sogleich über Ausbau, Reise und diverse Landy-Probleme gefachsimpelt.

Am nächsten Morgen müssen wir erstmal Umparken, denn mit unserem Platz am Camp hatten wir Glück. Wir haben – wie so oft – nicht vorreserviert, sondern den Platz spontan nach Lage und Google-Bewertungen ausgesucht. Ausschlaggebend für diesen war die Nähe zur Stadt in Fußläufigkeit. Worauf wir nicht geachtet hatten, war die Hanglage oberhalb der Stadt, die uns aber mit atemberaubenden Aussichten entschädigte… Also eigentlich war der Platz voll – und mit voll meinen wir voll voll. Oli, der Besitzer von Olywood, ist ein ca. Ende 50-jähriger Sarajlija (so nennt man die Einwohner Sarajevos), der hier oben ein kleines, kommunenartiges Camp aufgebaut an. Es gibt – normalerweise – 10 Stellplätze, aber durch sein großes Herz kann er Anreisende, die abends ankommen nach einer anstrengenden Reise, nicht wegschicken. So hat er am Tag unserer Ankunft ca. 15 Autos auf dem terrassenartiges Grundstück beherbergt – ein Tetris-Spiel.

Nach Umparken, Duschen, Kaffee (von Oli) und etwas Klar-Schiff-Machen, treten wir den Walk gen Stadtzentrum bergabwärts an. Erster Stopp ist eine nur 500m entfernte Kriegsfestung der Besatzer Sarajevos während der Belagerung der Stadt 1992-1995. wir wären da alleine nicht drauf gekommen, wenn wir nicht den Tipp von unserem Camp-Nachbarn Sam, einem Waliser, bekommen hätten. Die Bastion ist nämlich nicht sofort erkennbar. Eine bedrückende Exploration, daher lassen wir an dieser Stelle Bilder sprechen… Von hieraus wurde die Stadt u. a. beschossen.

Wieder in der Old Town angekommen, erkunden wir zunächst alles zu Fuß (die Stadt ist relativ kompakt aufgebaut), trinken türkischen Kaffee (auch wenn es bosnischer Kaffee heißt, ist es eigentlich türkischer), reichlich Wasser, hier und da einen frisch gepressten O-Saft, kaufen ein paar Souvenirs und genießen das treiben dieser wahnsinnig spannenden Stadt. Ein Besuch des Museums für Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord ist nicht angenehm, aber unserer Meinung Pflichtprogramm gegen das Vergessen und mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine aktueller denn je.

Gegen 17.00 Uhr treffen wir uns vor dem Nationaltheater zu einer 2-stündigen Free-Walking-Tour, die wir im Internet gebucht hatten. Normalerweise erkunden wir fremde Städte ja auf eigenen Faust, aber die Geschichte des Balkans und vor allem Sarajevos ist dann doch so bunt und komplex, dass wir der Meinung waren etwas Struktur in der Erkundung kann nicht schaden. Free-Walking-Touren kosten nichts und sind lediglich Trinkgeld-basiert. Wir treffen so also auf Merima, eine 37-jährige Sarajlija, die Fine-Arts studiert hat und mit ihrer Familie die Belagerung der Stadt in den 90ern miterlebt hat – eine wahnsinnig gebildete und witzige junge Frau, die die Stadtführung kurzweilig erscheinen lässt.

Im Schnelldurchlauf: ab dem 15. Jh. war Sarajevo ca. 500 Jahre von den Ottomanen okkupiert, die den Islam hierher brachten. Dann kamen Mitte des 19. Jh. die Habsburger, die das Christentum und die erste elektrische Straßenbahn Europas brachten. Österreich-Ungarn herrschte also nur knapp 40 Jahre, brachte der Stadt aber mehr als 400 Jahre Ottomanen-Herrschaft, laut Merima (die im übrigen einen fantastischen Sinn für Sarkasmus bei ihren Erzählungen an den Tag legte). 1914 wurde dann hier am Rande der Lateiner-Brücke des Flusses Bosna der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand ermordet, was als Auslöser für den Ersten Weltkrieg galt. Der Rest ist Geschichte: Königreich Jugoslawien und Zweiter Weltkrieg, Tito und seine Sozialistisch Föderative Republik Jugoslawien, keine elf Jahre nach dem Tod Titos der Zerfall Jugoslawiens mit der Erklärung der Unabhängigkeiten Kroatiens und Sloweniens, Ausbruch der Balkankriege, Belagerung Sarajevos, das Massaker von Srebenica, Versagen der UN-Blauhelmtruppen usw. Somit ist Bosnien und Herzegowina ein sehr junges Land, welches erst seit 1996 eigenständig ist. Tito wird hier übrigens immer noch wie ein Volksheld gefeiert: überall sieht man sein Konterfei oder Aufkleber und Kühlschrankmagnete mit seinem Bild und dem Spruch: BOSS – the Yugo Boss 😎. Er war zwar ein Diktator, das ist auch den Einwohnern hier klar, aber er hat in der Zeit für Ruhe und wirtschaftlichen Aufschwung gesorgt. An dieser Stelle sei eines seiner berühmtesten Zitate genannt:

„Ich regiere ein Land mit zwei Alphabeten, drei Sprachen, vier Religionen und fünf Nationalitäten, die in sechs Republiken leben, von sieben Nachbarn umgeben sind und mit acht Minderheiten auskommen müssen.“

Sarajevo ist Sitz des Großmuftis der bosnisch-herzegowinischen Muslime, des Metropoliten der serbisch-orthodoxen Kirche und eines Erzbischofs der röm.-kath. Kirche. In Sarajevo mit seiner traditionell gemischt-religiösen Bevölkerung findet man Moscheen, Kirchen und Synagogen nicht weit voneinander entfernt. Deswegen wird die Stadt gelegentlich Klein-Jerusalem oder auch Europäisches Jerusalem oder Jerusalem des Westens genannt. Die König-Fahd-Moschee in Sarajevo ist die größte Moschee auf dem Balkan.

Was können wir als Fazit sagen: Kommt nach Sarajevo, schaut Euch diese beeindruckende Stadt an, in der diverse Kulturen und Religionen tolerant und friedvoll miteinander und nicht nebeneinander leben! Sarajevo ist in jedem Fall eine Reise wert und gehört schön jetzt zu unseren TOP-3-Städten, die wir je besucht haben.

Am Abend gibt es noch ein Cevapi-Essen im orientalischen Teil der Stadt, für Drinks geht es dann ins Habsburger Viertel (Alkohol wird nämlich im Osten der Stadt nicht ausgeschänkt). Wir genießen den kühleren Abend, da es anfängt zu regnen. Aus dem Regen, werden Regengüsse mit Donner und Gewitter. Wir sitzen in einer Bar draußen unter Markisen und genießen das Treiben, machen Fotos. Auf einmal schlägt direkt irgendwo neben und in der Nachbarschaft der Blitz ein – so einen lauten Knall haben wir noch nie gehört. Bei einem Auto in der Straße wird dadurch die Alarmanlage ausgelöst. Wenige Minuten später dee zweite Blitzeinschlag. Wir zucken zusammen. Nachdem wir nun schon 2 Stunden darauf warten, dass der Regen aufhört, wird uns kalt und wir entscheiden uns dafür ein Taxi zu nehmen. Doch kein Taxi will uns nach oben auf den Berg fahren bei dem Wetter. Alle Taxifahrer, die „Hambina Carina“ hören, sagen „No“. Also hilft nur eins: wir müssen laufen… 3km und 45 Minute später kommen wir völlig durchnässt am Camp an. Wir trocknen uns im Haus von Oli, föhnen Haare und fallen todmüde ins Dachzelt. Gute Nacht Sarajevo, Du wundervolle, aufregende Stadt! 💙💛